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Bilder, die man nicht brauchtVon Stefan Schmöe / Fotos © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
150 Jahre Bayreuther Festspiele, das bedeutet auch: 150 Jahre Der Ring des Nibelungen. Auch wenn Das Rheingold und Die Walküre gegen den Willen Richard Wagners auf Geheiß seines königlichen Mäzens Ludwig II. vorab in München uraufgeführt wurden (1869 bzw. 1870), ging der erste vollständige Zyklus 1876 über die Bühne. Zum aktuellen Jubiläum darf es deshalb durchaus etwas Besonderes geben. Man erinnere sich: Zum 100. Jahrestag hatte der seinerzeitige Festspielleiter Wolfgang Wagner einen jungen, nahezu unbekannten Filmemacher namens Patrice Chéreau als Regisseur verpflichtet, der den Mythos kurzerhand ins 19. Jahrhundert und die Epoche der Industrialisierung verfrachtete - was zuerst vehement niedergebrüllt wurde, später als gefeierter "Jahrhundert-Ring" in die Rezeptionsgeschichte eingegangen ist. Nun hat das Regietheater das vierteilige Werk seitdem in nahezu alle Richtungen ausgeweidet, sodass jede Neudeutung Gefahr läuft, mit einem kühlen "das hatten wir schon" abserviert zu werden. Und prominente Regieteams stehen nicht gerade Schlange, um in Bayreuth unter immensem Zeitdruck und keineswegs unbegrenztem Budget vier ausladende Opern am Stück zu inszenieren. ´
Jede Aufführung soll anders bebildert sein, insofern muss man wohl sagen: Symbolbild
Die Lösung soll künstliche Intelligenz, kurz: KI, bringen, orientiert an den Bühnen- und Kostümbildern der fünfzehn vergangenen Bayreuther Ring-Inszenierungen. Damit blickt man, so die Hoffnung, in die Vergangenheit wie in die Zukunft oder zumindest in die digitale Gegenwart. Passend dazu bezeichnet man dieses Projekt als Ring 10010110, wobei die Zahlenkombination nichts anderes bedeutet als "150", dargestellt im Binärsystem, das nur 0 und 1 als Ziffern kennt und die Basis jeden Computers und aller Digitalität darstellt. Marcus Lobbes, Regisseur und inzwischen Direktor der Akademie für Theater und Digitalität Dortmund, trägt als "Kurator" die künstlerische Hauptverantwortung - denn die KI tut im Allgemeinen das, wozu man sie auffordert, und ist abhängig davon, was sie zum Lernen vorgesetzt bekommt. Grundlage ist in diesem Fall zunächst das Bildmaterial der vergangenen Bayreuther Ring-Produktionen. Dabei bleibt es nicht, denn es soll vielschichtiger zugehen. So erwähnt Lobbes im Programmbuch, dass man sich damit befasst habe, welche Gesprächsthemen jenseits von Wagner das Publikum im Laufe der Jahre in den Pausen beschäftigt haben könnte. Es soll ein Netz von vielschichtigen Assoziationen über die Aufführung gelegt werden.
Nun ist das Ergebnis, so der Eindruck nach dem Rheingold, einigermaßen ernüchternd. Auf zwei gestaffelte Vorhänge (dazwischen stehen Sängerinnen und Sänger) werden im einlullenden Rhythmus von einigen Sekunden Bilder aller Art mit sanft fließenden Übergängen eingeblendet. Am Beginn jeder Szene steht, das ist eine der Vorgaben an die KI, ein entsprechendes Foto des allerersten Rings von 1876. Der Rest soll als Reaktion auf das Geschehen jeden Abend neu entstehen (warum eigentlich? Findet die KI keine "optimale Lösung" des Problems?). Um es kurz zu machen (und weil zu befürchten ist, dass die folgenden Abende keine wesentliche Veränderung des Konzepts zeigen und Raum für die Beschreibung von Details lassen werden): Es artet in einer ebenso beliebig anmutenden wie ermüdenden Bilderflut aus. Man ist ja schon dankbar, wenn zu Alberichs Verwandlung in einen Riesenwurm der anatomisch unsinnige, aber immerhin erkennbare Kopf eines echsen- und schlangenartigen Tieres und später eine Kröte zu erkennen sind. Über besondere Wagner-Kenntnisse verfügt die KI offenbar trotz aller Vorgaben nicht, jedenfalls sind manche Motive falsch zugeordnet. Der Regenbogen nach Walhall etwa, der eigentlich erst in den letzten Minuten der Oper als Brücke geschlagen wird, taucht schon sehr viel früher auf.
Das singende Personal steht in edlen silbergrauen, vogelartigen, einander sehr ähnlichen und kaum unterscheidbaren Kostümen auf der Bühne. Am einfachsten ist Loge zu erkennen, der ein Paar Flügel trägt (Kostüme: Pia Maria Mackert). So sollen die Figuren skulptural wirken. Ein "rollenbezogener Ansatz" und "individuelle Charakterzeichnungen" sind, so Lobbes, explizit nicht erwünscht. Das unterlaufen die Darstellerinnen und Darsteller in der hier besprochenen zweiten Aufführung immer wieder und versuchen, zumindest pantomimisch anzudeuten, dass es sich grundsätzlich beim Ring des Nibelungen um lebendiges Theater handelt, das eine Geschichte erzählen will. Genau das tut ja auch die Musik, und ganz dezidiert auch in dieser Aufführung, die zum großen Hörtheater wird - soweit man sich nicht durch die Projektionen ablenken lässt.
Ratlosigkeit, wohl nicht nur bei den Göttern
Dirigent Christian Thielemann lässt das fabelhafte Festspielorchester, das ungleich farbenreicher klingt als am Abend zuvor in Rienzi, eine unendliche, nie abreißende Melodie spielen. Davon werden die Stimmen nicht nur getragen, sondern der symphonisch-erzählerische Gestus, der kammermusikalische Klarheit besitzt, korrespondiert exzellent mit den Gesangslinien. Ein leichter, wendiger, oft ironischer Konversationston, der gleichzeitig den großen Bogen schlägt: Damit gelingt Thielemann so etwas wie die Quadratur des Kreises. Die erste Szene ist von hell leuchtender, beinahe impressionistisch anmutender Leichtigkeit geprägt. Dabei zeigt der Dirigent Sinn für lautmalerische Klangeffekte. Wohl noch nie haben die Wellen des Rheins so plastisch geplätschert wie hier. Aber ebenso werden die dramatischen Momente mit großer Spannung aufgebaut.
Gesungen wird mit außerordentlich guter Textverständlichkeit und genauer, an der Sprache orientierter Phrasierung. Wenn Mime von seiner Pein mit Bruder Alberich klagt, macht Gerhard Siegel mit geschmeidigem Tenor ein vokales Kabinettstückchen daraus, dass man durchaus Mitleid mit ihm bekommen kann. Überhaupt ist die absurde Konversation in Nibelheim mit vielen ironischen Zwischentönen mitreißend ausgestaltet: Der agile, ironisch distanzierte Loge von Klaus Florian Vogt, der nobel-liedhafte Wotan von Michael Volle und der gefährlich kühl auftretende Alberich von Jochen Schmeckenbecher liefern sich ein irrwitziges Wortgefecht mit feinen Nuancierungen. Allein die Ambosse wirken arg kraftlos.
Die leicht dunkel grundierte, überaus souveräne Fricka von Anna Kissjudit und die jugendlich-lyrische Freia von Evelin Novak ergänzen ein Götterensemble, in dem der etwas leichtgewichtige Froh (Siyabonga Maqungo) und der etwas eindimensional poltrige Donner (Alexander Grassauer) eine Spur abfallen. Christa Mayer singt eine prachtvolle, besser als in vergangenen Jahren fokussierte Erda. Mika Kares gibt einen naiv-einfältigen Fasolt, Peter Rose in sinnfälligem Kontrast dazu einen rational und sachlich kalkulierenden Fafner. Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold harmonieren perfekt als außerordentlich klangschönes Rheintöchter-Terzett. Ihnen allen (und noch mehr dem Publikum) wünschte man, die KI würde einfach einmal innehalten und der Musik nachlauschen. Aber der ist's offenbar egal. Fortsetzung folgt.
Musikalisch ein überragender Ring-Auftakt mit nervtötenden, wenig sinnstiftenden Bilderfluten.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Kurator
Künstlerisch-technische Konzeption
Dramaturgie
Digital- und KI-Storytelling
Creative Code / Visual Art
Bühne
Kostüme Solisten
Wotan
Donner
Froh
Loge
Fricka
Freia
Erda
Alberich
Mime
Fasolt
Fafner
Woglinde
Wellgunde
Floßhilde
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