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Siegfried


Zweiter Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen in drei Aufzügen, WWV 86c
Musik und Text von Richard Wagner

in deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5 h 5' (zwei Pausen)

Konzertante Aufführung am Freitag, 24. April 2026, 18.00 Uhr
Großer Saal im Konzerthaus Dortmund

 


(Homepage)

Klanggewaltiges "Intermezzo"

Von Thomas Molke / Fotos: © Bjørn Woll

Über 20 Jahre ist es her, dass Wagners Siegfried als Teil des "Wallat-Rings" zum 75. Geburtstag des Wagner-Dirigenten Hans Wallat in einer halbszenischen Aufführung zu erleben war. Nun schmiedet Yannick Nézet-Séguin mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra im Zwei-Jahres-Rhythmus einen neuen konzertanten Ring, der nach einem fulminanten Rheingold am 28. April 2022 (siehe auch unsere Rezension) und einer emotionsgeladenen Walküre am 1. Mai 2024 (siehe auch unsere Rezension) nun beim "zweiten Tag" des Bühnenfestspiels angelangt ist. Dabei liegt zwischen dem letzten Siegfried 2004 im Konzerthaus und der neuen Aufführung eine ähnlich lange Zeitspanne wie die, die Wagner zur Vollendung dieser Oper benötigt hat. 1857 hatte er nämlich nach dem Abschluss des zweiten Aufzugs die Arbeit am Siegfried abgebrochen, weil er nicht mehr daran glaubte, ein Opernhaus zu finden, das seine Vision des Rings auf die Bühne bringen werde. Stattdessen widmete er sich "leichter" zu realisierenden Werken wie Tristan und Isolde sowie den Meistersingern von Nürnberg. Doch als sein größter Förderer, der bayerische König Ludwig II., den Bau des Festspielhauses in Bayreuth zusicherte, nahm Wagner die Arbeit an der Komposition wieder auf, und so gelangte die Oper im Rahmen eines Zyklus zur Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele 1876 zur Uraufführung. Eigentlich hatte Wagner die Hoffnung, dass sein Siegfried als populärster Ring-Teil am ehesten ein Eigenleben führen werde. Doch der scherzohafte Ton in der Musik und der märchenhafte Charakter mit seinen teilweise recht komischen Elementen in den ersten beiden Aufzügen, die im starken Kontrast zum wesentlich reiferen dritten Aufzug stehen, führten dazu, dass Cosima Wagner das Werk in ihren Tagebüchern nur als "eine Art Intermezzo" bezeichnete, das einen starken Kontrast zu den beiden weitaus dramatischern Teilen Die Walküre und Götterdämmerung bildet. Doch auch ein klanggewaltiges "Intermezzo" kann das Publikum im Konzerthaus zum Jubeln bringen. 

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Yannick Nézet-Séguin mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra

Schon bei den ersten Tönen des Vorspiels macht Nézet-Seguin mit dem großartig aufspielenden Rotterdam Philharmonic Orchestra die Dunkelheit und Bedrohlichkeit des Waldes deutlich, in dem Mime Siegfried zu einem jugendlichen Helden heranzieht und irgendwo der Riesenwurm Fafner in einer Höhle auf dem Schatz des Rheingoldes ruht. Die ganze Szene wird so schwarz und düster vom Orchester angesetzt, schwillt von einem leisen dunklen Ton plötzlich bedrohlich an, so dass man im Saal im Gegensatz zu Siegfried direkt das Fürchten lernt. Wie im Rheingold treten die Solistinnen und Solisten allesamt ohne Textbuch auf, was jedoch für große Teile des ersten Aufzugs etwas problematisch ist. Wie stellt man Mimes vergebliche Versuche, ein Schwert zu schmieden, ohne Requisiten dar? In Wuppertal hat man Mime immerhin einen Hammer und einen kleinen Amboss gegeben, so dass er selbst im Takt zur Musik den Hammer schlagen konnte. In Dortmund übernimmt das ein Orchestermitglied, so dass Yu-Chung Huangs Schläge in die Luft ein wenig albern wirken. Dafür gelingt ihm stimmlich eine großartige Interpretation des Zwergs. Huang begeistert durch eine sehr präzise Diktion und einen für die Partie ungewöhnlich harten Tenor, der sofort seine bösen Absichten erahnen lässt. Dabei spielt er aber auch Mimes Verzweiflung darüber, dass es ihm nicht gelingt, das Schwert zu schmieden, überzeugend aus. Clay Hilley wird direkt beim ersten Auftritt als Siegfried mit kraftstrotzenden Tönen dem Ruf eines jugendlichen Helden gerecht.

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Ya-Chung Huang (links) als Mime mit Yannick Nézet-Séguin am Pult

Brian Mulligan war bereits in der Walküre in dieser konzertanten Produktion als Wotan zu erleben und legt auch hier den Göttervater, der nun nur noch als Wanderer bezeichnet wird, mit hellem Bariton an. Für das Fragespiel mit Mime fehlt es ihm ein wenig an Tiefe, um einen deutlichen Kontrast zu Huang zu bilden. Darstellerisch setzen Huang und Mulligan die Szene großartig um. Huang spielt wunderbar die scheinbare Überlegenheit des Zwerges aus, die dann kippt, als der Wanderer ihm prophezeit, dass Mimes Plan mit Siegfried nicht aufgehen werde. Da hilft dann nur noch die List, einen Gifttrank zu brauen. Die Schmiedeszene weist dann die gleichen Probleme auf, die schon am Anfang zu beobachten waren. Mit gewaltigem Heldentenor schmiedet Hilley stimmlich das Schwert Nothung neu, wirkt aber bei den Versuchen, eine szenische Umsetzung anzudeuten, ein wenig albern. Hier wäre vielleicht weniger mehr gewesen, und man hätte nur auf den lautmalerischen Klang des Orchesters vertrauen sollen. Das Publikum stört es nicht weiter, und es spendet nach dem ersten Aufzug dem Orchester und den Solisten frenetischen Beifall mit stehenden Ovationen.

Der zweite Aufzug beginnt fast noch düsterer als der erste. Nun ist man der Höhle des Riesenwurms Fafner wesentlich näher gekommen. Welche bedrohlichen Klänge Nézet-Séguin mit dem Orchester hier aus der Partitur holt, ist einzigartig. Samuel Youn hat schon im Rheingold den Nibelungen Alberich verkörpert und findet sich nun vor der Höhle ein, um den Fortgang der Geschichte zu beobachten. Die Partie legt er mit dunklem Bassbariton an, wobei die Textverständlichkeit allerdings sehr zu wünschen übrig lässt. Vielleicht ist das aber auch Absicht, da Alberich so von Hass und Verlangen nach Rache besessen ist, dass er sich nicht mehr klar artikulieren kann. Mulligan wirkt als Wanderer im Zusammenspiel mit Youn daneben ein bisschen blass. Stimmlicher Glanzpunkt der Szene ist Soloman Howard als Fafner, den man bereits in der Walküre als Hunding erleben konnte. Sein Bass verfügt über eine unglaubliche Tiefe, die dem Riesenwurm mehr als gerecht wird. Ob der golden glänzende Anzug, den er trägt, auf das Gold anspielen soll, das er bewacht, kann nur gemutmaßt werden. Im Gegensatz zu den anderen beiden tritt er zunächst nicht vor das Orchester, sondern lässt seinen schwarzen Bass gewissermaßen aus dem Hintergrund erklingen und erfüllt dabei den ganzen Raum. In der Auseinandersetzung mit Siegfried steht er dann vor dem Orchester. Ob man den angedeuteten Zeitlupenkampf zwischen den beiden ohne Schwert szenisch gebraucht hätte, ist Geschmacksache. Auch hier hätte man wieder auf die Macht der Musik vertrauen können.

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Clay Hilley als Siegfried

Mit sehr viel Humor und einigen Requisiten wird Siegfrieds Versuch, mit dem Waldvogel zu kommunizieren, umgesetzt. Da bringt Hilley das Publikum sogar so weit, kurzen Zwischenapplaus zu spenden. Es beginnt mit dem pittoresk angelegten "Waldweben" vom Rotterdam Philharmonic Orchestra, das einen wunderbaren Kontrast zum dunklen Anfang des zweiten Aufzugs darstellt. Wenn Siegfried mit dem Waldvogel in Kontakt treten will, greift Hilley zu einer Flöte, die er allerdings nicht selbst spielt, auch wenn er das sehr überzeugend andeutet. Stattdessen gelingt es dem Spieler des Englischhorns, wirklich keinen Ton sauber zu treffen, so dass nachvollziehbar wird, dass der Waldvogel nicht weiß, was Siegfried ihm mit dieser Musik eigentlich sagen will. Dann greift Hilley zu einem schwarzen Horn und imitiert nahezu heldenhaft das Spiel, das von einem Hornisten mit sauberem Klang umgesetzt wird. Dieser scherzohafte Ton schwenkt dann um, wenn sich Fafner zum bedrohlichen Klang des Orchesters aus seiner Höhle schlängelt. Julie Roset tritt anschließend als Waldvogel auf der linken Seite der Galerie auf und gibt mit klarem, hellem Sopran Siegfried Anweisungen, was er nun zu tun habe. Zuerst nimmt er den Ring und den Tarnhelm an sich. Dann tötet er Mime, dessen düstere Absichten er nun versteht, um sich anschließend auf den Weg zum Walkürefelsen zu machen, um die schlafende Frau zu wecken.

Zu Beginn des dritten Aufzugs lässt Nézet-Séguin schon beim Vorspiel hörbar werden, dass zwischen der Komposition dieses Aufzugs und den ersten beiden einige Jahre liegen, in denen sich Wagner weiterentwickelt hat. Hier lässt sich schon heraushören, dass in der Zwischenzeit Tristan und Isolde entstanden ist. Mulligan wirkt im dritten Aufzug als Wanderer gesundheitlich nicht mehr ganz auf der Höhe. Stimmlich scheint es ihn sehr anzustrengen, sich gegen das kraftvoll aufspielende Orchester durchzusetzen. So ist er stellenweise zu leise, und es wird nicht ganz klar, ob er hier nur andeuten will, dass die Macht des Göttervaters allmählich schwindet, bis Siegfried seinen Speer schließlich völlig zerstört. Wiebke Lehmkuhl begeistert als Erda mit einem satten Alt, der der allwissenden Urwala mehr als gerecht wird. Dass sie auf der höher gelegenen Chorempore auftritt, wenn der Wanderer sie aus der Tiefe der Erde herbeiruft, regt ein wenig zum Schmunzeln an. Dennoch ist die Idee, den Wanderer und Erda in räumlicher Distanz auftreten zu lassen, da sie auch im Dialog nicht mehr zusammenfinden, dramaturgisch nachvollziehbar.

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Brünnhilde (Rebecca Nash) erwacht.

Dann ist endlich nach rund viereinhalb Stunden der Moment gekommen, dass Siegfried am Walkürefelsen ankommt, um die schlafende Sopranistin zu wecken, die im Gegensatz zu ihm, der sich seit dem ersten Aufzug die Seele aus dem Leib singen muss, nun noch völlig ausgeruht voller Kraft steckt. Auch hier deutet Hilley szenisch zunächst ohne Gegenüber an, wie er den Helm und die Rüstung löst und sich schließlich durchringt, die schlafende Maid zu küssen. Erst jetzt tritt Rebecca Nash als Brünnhilde auf. Mit etwas zu viel Vibrato erwacht Nash aus ihrem jahrelangen Schlaf, was die Textverständlichkeit stark einschränkt. Hilley hingegen verfügt auch in dieser Szene stimmlich immer noch über enorme Reserven und setzt die Spitzentöne absolut sauber an. So bleibt er eigentlich der Sieger beim musikalischen Schlagabtausch zwischen den beiden, was man bei zahlreichen Aufführungen schon anders erlebt hat. Zu "leuchtender Liebe" und "lachendem Tod" fallen sich die beiden schließlich glücklich in die Arme, und auch das Publikum bricht wie schon nach den ersten beiden Auszügen in frenetischen Jubel aus.

FAZIT

Yannick Nézet-Séguin setzt mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra Wagners Siegfried klanggewaltig um und macht deutlich, dass die musikalisch schönsten Passagen dem Orchester gehören.


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Ausführende

Yannick Nézet-Séguin, Dirigent

Rotterdam Philharmonic Orchestra



Besetzung

Siegfried
Clay Hilley

Mime
Ya-Chung Huang

Wanderer
Brian Mulligan

Alberich
Samuel Youn

Fafner
Soloman Howard

Erda
Wiebke Lehmkuhl

Brünnhilde
Rebecca Nash

Waldvogel
Julie Roset



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Konzerthaus Dortmund
(Homepage)



Da capo al Fine

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