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Kann es nach dieser Musik überhaupt weitergehen?
Von Stefan Schmöe / Fotos von Holger Talinski
Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick, als Patrick Hahn 2021 als neuer Wuppertaler Generalmusikdirektor (GMD) vor das Publikum trat. Als Nachfolger der etwas sperrigen Julia Jones, von der vielleicht die prägnanteren Interpretationen im Gedächtnis bleiben, eroberte der 1995 geborene Österreicher mit eloquentem Auftreten, Witz und jugendlichem Charme die Herzen der Wuppertaler im Sturm. Seinen spezifisch österreichischen Humor stellte er nicht zuletzt in Solo-Abenden mit Chansons seines Landsmanns Georg Kreisler unter Beweis. Wie schön wäre Wien ohne Wiener, das kommt dem Grazer locker über die Lippen. Hahn hat inzwischen an den großen Bühnen Karriere gemacht, etwa mit dem Intermezzo von Richard Strauss an der Dresdner Semperoper.
Patrick Hahn
Er verabschiedet sich mit Gustav Mahlers sechster Symphonie, von geschäftstüchtigen Verlegern schnell die "Tragische" genannt. Mit ihrem "Es-kann-nicht-weitergehen"-Katastrophenschluss ein makabrer Abschied, könnte man denken. Aber Hahn hat mit Richard Strauss seinen Einstand gegeben (mit den Vier letzten Liedern und der Alpensymphonie) und in der laufenden Saison mit einer konzertanten Aufführung von Richard Wagners Ring des Nibelungen, vom Publikum wie der Kritik gefeiert, den Höhepunkt seiner Wuppertaler Zeit erklommen. Tristan und Isolde und Tannhäuser hat er im Opernhaus dirigiert. Wagner, Strauss, Mahler - das sind sicher prägende Komponisten für das Repertoire Hahns, der aber auch mit einer beeindruckenden Aufführung von Olivier Messiaens monumentaler Turangalîla-Symphonie Furore gemacht hat. Vermutlich hätte er lieber noch Mahlers Achte dirigiert, die "Symphonie der Tausend" mit gigantischem Chor und acht Solisten. Aber irgendwann gehen selbst einem Patrick Hahn die Sponsoren aus. Und womöglich auch die Ressourcen. (Mahlers Dritte - mit Knaben- und Frauenchor sowie Solosopran - steht in der nächsten Spielzeit unter der Leitung von Gastdirigent Remy Ballot auf dem Programm.)
Sinfonieorchester Wuppertal
Somit also "Mahler 6" im letzten Konzertprogramm. Zwei Aufführungen, Sonntagvormittag und Montagabend. Das Haus ist voll, ein paar Tage vor den Konzerten hat man auch noch das Chorpodium hinter dem Orchester für das Publikum freigegeben. Trotz drückender Hitze ist der Saal leidlich gut temperiert. Hahn steht in den Knieen federnd auf dem Podium und strahlt hohe Energie aus. Der Marsch des ersten Satzes klingt nicht martialisch, sondern dynamisch-forsch und wird Teil der Ambivalenz, von der das Werk durchzogen ist: Es könnte ja alles gut werden. Aber es könnte eben auch ganz anders kommen. Hahn beschwört in seiner Interpretation kein Katastrophenszenario herauf. Er wird in den Effekten nicht grell und nicht plakativ, lässt das gut eingespielte und aufmerksame Orchester im besten Sinn "einfach musizieren". In der wegen ihres Nachhalls oft gelobten, gleichwohl ein wenig mulmigen Akustik der Stadthalle, einem 1900 eröffneten prachtvollen Neorenaissance-Bau, baut er den Klang registerartig auf, lässt das Holz und das Blech als Gruppe erklingen, selbst in den solistischen Passagen. Er dirigiert mit kleinen Gesten und wirkt sehr kontrolliert. Man kennt sich und hat sorgfältig geprobt. Das Orchester reagiert genau und benötigt keine ausladenden Armbewegungen, um große Steigerungen aufzubauen. Offenbar während der Proben hat Hahn sich entschlossen, das Scherzo als zweiten und das Andante als dritten Satz zu spielen - Mahler selbst hatte kurz vor der Uraufführung 1906 in Essen die Reihenfolge vertauscht und zuerst den langsamen Satz gespielt. Bis heute ist umstritten, welche Reihenfolge die authentische ist - oder die richtige. In beiden Sätzen gibt Hahn der "Wunderhorn-Romantik", die prägend war für die Symphonien 1 bis 4, viel Raum: Die Musik darf ein bisschen schwelgen (sich aber nicht verlieren) und der Natur nachhören. So wirkt das Andante wie die Ruhe vor dem Sturm, entspannt, natürlich auch an die Beethoven-Tradition anknüpfend (auch in dessen Neunter steht das Scherzo an zweiter und der langsame Satz an dritter Stelle). Manches in der Interpretation lässt an Beethoven denken, auch an Schubert.
Blumen für Patrick Hahn
Die berühmt-berüchtigten zwei Hammerschläge zerstören im Finale den Traum vom Glück und von der vielleicht heilen Welt. Beim zweiten halten sich viele auf dem Chorpodium die Ohren zu. Hahn dirigiert die Musik rhythmisch prägnant auf diese Momente zu, bemüht sich dabei um einen nicht zu dicken Klang (was in diesem Raum immer schwierig ist). Er hat den Satz bis dahin auch über den Wechsel von oft verblüffenden Klangfarben aufgebaut, eine unwirkliche Stimmung erzeugt. Man hört, wie Mahler die Welt zunehmend entgleitet. Auch der Schluss ist frei von Pathos und bewahrt sich eine gewisse Sachlichkeit. Die pointiert trockenen Schlussakkorde gehen gerade deshalb unter die Haut. Stehende Ovationen, natürlich. Dankesworte für zwei scheidende Orchestermitglieder haben ihre Berechtigung, wirken nach dieser Symphonie mit ihrem trostlosen Finale aber deplatziert. Hahn kommt nicht drumherum, selbst das Mikrophon zu ergreifen, dankt dem Publikum und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hinter Podium und Bühne. Und er weist darauf hin, dass man morgen "den ganzen Zirkus" ja noch einmal durchmache. Eine Zugabe lasse das Werk ja nicht zu, da könne man nur noch Johann Sebastian Bach spielen. Das populäre Largo aus dem Cembalokonzert BWV 1056 - in einer Orchesterfassung von Leopold Stokowski. Hahn und das Sinfonieorchester Wuppertal kosten klangzaubernd mit zirpenden Harfen im butterweichen Piano den Charme der Musik aus, und man muss fürchten, im nächsten Moment schmelze die altehrwürdige Stadthalle wie sehr süßes Schokoladeneis in der heißen Sonne dahin. Ob das die richtige Antwort auf Mahler ist, mag jeder für sich entscheiden. Ein Jahr lang wird man in Wuppertal ohne GMD auskommen. 2027 übernimmt Christian Reif, derzeit Chef des Orchesters im schwedischen Gävle und Leiter des Lakes Area Music Festivals in Minnesota, das Kommando. Es wird weitergehen, Mahlers Pessimismus zum Trotz. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
AusführendeSinfonieorchester WuppertalLeitung: Patrick Hahn WerkeGustav Mahler:Symphonie Nr. 6 a-Moll Zugabe: Johann Sebastian Bach: Largo aus dem Concerto f-Moll für Cembalo und Orchester BWV 1056 arrangiert für Orchester von Leopold Stokowski
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