|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
Zahnarzthelferin liebt Startenor
Von Stefan Schmöe /
Fotos von Bettina Stöß
Etikettenschwindel? Dieser Barbier arbeitet gar nicht in Sevilla. Sondern in der Bonner Innenstadt. Seinen Barber Shop (den dieser Schelm "Barbier von Sevilla" nennt) hat er direkt neben der Zahnarztpraxis des Dr. Bartolo. Und weil die Geschichte in unserer Gegenwart spielt und der Adel im demokratischen Bonn keine Bedeutung mehr hat, ist aus dem Grafen der gefeierte Opernsänger Antonio Almaviva geworden, der gerade einen umjubelten Auftritt im Bonner Opernhaus hat - per Laptop verfolgt von Rosina, ein großer Fan, auf der Streaming-Plattform operavision.eu. Das alles sieht man in einem ziemlich lustigen Video (Clemens Walter) zur Ouvertüre. Und man sieht auch, wie Almaviva Fanpost erhält, wohl von Rosina, wie er sich als Student verkleidet und sich in solcher Aufmachung mit ein paar Herren aus dem Beethoven Orchester auf den Weg durch die Stadt zu deren Haus macht. Um dann in der ersten Szene der Oper dort sein Ständchen zum Besten zu geben.
Regisseur Matthew Wild, der schon im Frankfurter Tannhäuser mit einer veränderten, in die Gegenwart bzw. in die jüngere Vergangenheit übertragenen Personenkonstellation eine ziemlich spannende Deutung lieferte (unsere Rezension), krempelt manches um und greift auch hier und da behutsam in das Libretto von Cesare Sterbini ein - das aber durchaus im Sinne der Komödie. Was bei der satirischen Operette durchaus üblich war und ist, nämlich den Text den aktuellen Bedingungen anzupassen, übernimmt Wild hier für Rossinis Erfolgskomödie, aber bleibt deren Geist unbedingt treu. Nun hält der Barbier ohnehin so manches aus, und über ein paar Unstimmigkeiten sieht man gerne hinweg, zumal Wild mit einer Reihe hübscher Pointen aufwarten kann.
Figaro und Rosina
Die Häuserfront, deren Mittelhaus gedreht werden kann und dadurch verschiedene Einblicke in das Innere und schnelle Szenenwechsel ermöglicht (Bühnenbild: Dirk Hofacker), ist nicht nur liebevoll detailliert gestaltet, sondern bekommt auch in scheinbar nebensächlichen Details Bedeutung. Die Kostüme (Raphaela Rose) sind sanft überzeichnet. In diesem Rahmen läuft das Stück trotz aller Modernisierungen recht konventionell ab und lebt von der genauen Personenregie - und einem spielfreudigen Ensemble, die das Konzept engagiert umsetzt. Eine gute Komödie eben. Wild fügt zusätzlich noch vier Hip-Hop-Tänzer:innen hinzu, vier junge Menschen, die lose in die Handlung eingebunden sind. Die von Rudi Smit choreographierten Einlagen, mit bestechender Energie und Präzision getanzt, unterstreichen in manchen Ensembles die Steigerungen der Musik. Man muss deshalb nicht gleich, wie die Oper Bonn verheißt, "eine Hymne an Toleranz, Diversität und Liebe" in der Inszenierung erkennen, das wirkt dann doch ein wenig zu groß gedacht. Aber die Regie zeigt mit dem kräftig tätowierten Barbier Figaro, dem superbraven Mädchen Rosina (oder doch nicht so brav: Sie tauscht immerhin den Inhalt der Zahnpasta gegen Senf aus), dem spießigen Dr. Bartolo, der allergisch verschnupften Sprechstundenhilfe Berta, den Hip-Hop tanzenden jungen Menschen und den übrigen Gestalten ein ziemlich buntes Bevölkerungsspektrum. Und sie zeigt auch, dass Oper keineswegs ein verstaubtes Medium ist. Mit Erfolg: Die nächsten Vorstellungen sind bereits ausverkauft.
Musikalisch gibt Grisha Martirosyan einen stimmlich schlanken, agilen Figaro ab. Carmen Artaza hat einen apart eingedunkelten, trotzdem angemessen mädchenhaften Mezzosopran für die Rosina. Den Superstar nimmt man Anton Rositskii als Almaviva wegen der ziemlich kleinen Stimme nicht unbedingt ab, aber er singt die Koloraturen mit wendigem Tenor recht ordentlich aus. Über die extrem schnell zu parlierenden Phrasen mogelt sich Enrico Marabelli mit unverständlichem Kauderwelsch geschickt hinweg und gibt einen Dr. Bartolo mit an Loriot erinnerndem Witz. Pavel Kudinov glänzt als Musiklehrer Don Basilio mit komischer, fast pathetischer Würde. Nicole Wacker gibt der Berta mit warm leuchtendem Sopran Kontur. Miljan Milovic als Fiorello, hier der dienstbare Inspizient des Theaters, und Seogjun Jang als Offizier respektive Leiter der Polizeitruppe runden ein gutes, wenn auch nicht herausragendes Ensemble ab, zu dem sich noch der zuverlässige Herrenchor des Theaters gesellt.
Gleich kommt die Polizei: Aufgeregtes Ensemble am Ende des ersten Aktes.
Mit kammermusikalisch feinem Ton spielt das Beethoven Orchester unter der Leitung von Matteo Beltrami, der viele Klangfarben herausarbeitet und manchen schönen orchestralen Effekt aufklingen lässt - aber nie vordergründig, sondern immer fein in die Gesamtlinie eingearbeitet. Dabei merkt man, wie genau Inszenierung und Musik aufeinander achten. Auch von einer Unterbrechung wegen einer technischen Panne in der hier besprochenen Vorstellung ließen sich Orchester und Bühnenensemble nicht irritierten und spielten anschließend mit ungebrochener Konzentration und Intensität weiter. Dass Jessica Rucinski am Hammerklavier in die delikate Begleitung der Rezitative unaufdringlich das eine oder andere Beethoven-Zitat einschmuggelt, versteht sich bei diesem Barbier von Bonn von selbst.
Mattew Wild holt sehr unterhaltsam den Barbier aus dem fernen Sevilla direkt nach Bonn in die Altstadt, getragen von einem bestens aufgelegten Orchester und einem spielfreudigen Ensemble.
|
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Videodesign
Licht
Choreographie
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Graf Almaviva
Rosina
Figaro
Dr. Bartolo
Don Basilio
Berta
Fiorello
Ein Offizier
Ambrogio
Tänzer
Hammerklavier
|
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de