|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Gezeichnet vom Tod Von Thomas Molke / Foto: © Leszek Januszewski
Nachdem der neue Intendant des Balletts Dortmund und des NRW Juniorballetts, Dr. Jaš Otrin, im Oktober einen gelungenen Einstand mit Orffs Carmina Burana in der Choreographie von Edward Clug gefeiert hat (siehe auch unsere Rezension), wird der erfolgreiche Weg nun mit einem Ballett von Annabelle Lopez Ochoa fortgesetzt, die Otrin ebenso wie Clug als Artist in Residence nach Dortmund geholt hat, um den Weg der Ballettsparte in den folgenden Jahren mitzuprägen. Während Clug sich in seinem Ballettabend mit Orffs Carmina Burana einem Meisterwerk der Musik gewidmet hat, lässt Lopez Ochoa in ihrer Choreographie Tanz und Malerei zu einer betörenden Einheit verschmelzen und zeichnet ein bewegendes Bild der Malerin Frida Kahlo. Bereits 2020 widmete sie in Amsterdam beim Het Nationale Ballet dieser Ausnahmekünstlerin unter dem Titel Frida einen kompletten Ballettabend, der noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie am 6. Februar 2020 eine umjubelte Premiere feierte. Seitdem hat der Abend eine Reise um die Welt angetreten, wobei auch eine neue Version entstanden ist, bei der auf politische Bezüge in Kahlos Leben verzichtet wurde. In Dortmund ist nun diese Fassung zu erleben, die in Kooperation mit der Oper Wrocław entstanden ist. Toxische Beziehung: Frida (Sae Tamura) und Diego (Filip Kvačák) Erzählt wird in mehreren Stationen die Lebens- und Leidensgeschichte von Frida Kahlo, die seit ihrer Jugend mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat. Früh erkrankt sie an Kinderlähmung, so dass ihr rechtes Bein dünner und kürzer als ihr linkes bleibt. Bei einer Busfahrt erleidet sie einen schweren Unfall, bei dem sie sich Brüche an der Wirbelsäule, Becken, Schlüsselbein und beiden Beinen zuzieht. Die körperliche Versehrtheit versucht sie in zahllosen Selbstbildnissen mit hoffnungsvollen Farben zu verarbeiten. Bald trifft sie auf den wesentlich älteren mexikanischen Wandmaler Diego Rivera, den sie heiratet und trotz seiner ständigen Untreue leidenschaftlich liebt, was ihr weitere seelische Qualen zufügt. Noch schmerzlicher ist die Tatsache, dass sie aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigungen keine Kinder bekommen kann. Immer mehr versucht sie ihren Schmerz in Kunst umzuwandeln, so dass aus ihrem Leid ihre berühmtesten Gemälde entstehen, bis sie im Alter von 47 Jahren stirbt. Zur Musik von Peter Salem, der als Auftragskomponist diesen Leidensweg in sehr atmosphärische Klänge übersetzt hat, setzt Lopez Ochoa diese Lebensgeschichte im Tanz nun mit einer großartigen Lichtgestaltung (Christopher Ash), die die kraftvoll bunten Farben der Gemälde einfängt, und großartigen Kostümen um, die Kahlos Bilder lebendig werden lassen. Kostümbildnerin Dieuweke van Reij schöpft hier aus dem Vollen und hat die zahlreichen Selbstbildnisse Fridas in farbenprächtigen Tehuana-Gewändern eingefangen. So stellen acht Tänzer in unterschiedlichen Farben und variablem Kopfschmuck eine Inkarnation Fridas dar und stehen für ihre schöpferische Ausdruckskraft. Frida selbst verschmilzt mit ihnen in einem satten Orange zu einer Einheit, wobei die weiten Gewänder sehr grazile Bewegungen in einer großartigen Ästhetik ermöglichen. Auch weitere Kostüme nehmen Bezug auf Kahlos Bilder. So tritt beispielsweise ein Reh auf, das Kahlo selbst einmal als ihr mystisches Ego bezeichnet hat und das ihr die heilende Kraft der Malerei vermittelt haben soll. Bezaubernd ist auch der bunte Vogel gestaltet, der sich hoffnungsvoll über die Bühne bewegt und Frida am Ende ihres Lebens so wie ihre Kunst überlebt und ihren Ruhm fortleben lässt. Tanz mit dem Tod: Frida (Sae Tamura) und das haarige Skelett (Simon Jones) Doch neben diesen farbenfrohen Momenten wird an diesem Abend auch die düstere Seite nicht ausgespart. So gibt es zahlreiche Skelette, Männer und Frauen, die mit grell leuchtenden Totenköpfen Fridas Lebensweg begleiten. So beginnt der Ballettabend auch am "Dia de los muertos", einem traditionellen Tag, an dem in Mexiko der Toten gedacht wird. Auf einem riesigen Kasten, der sich zu mehreren unterschiedlichen Bühnenelementen öffnen lässt, erscheinen zahlreiche Skelette, die eine zunächst sehr düstere Stimmung verbreiten. In diese bedrückende Atmosphäre platzt eine jugendliche und unbeschwerte Frida, die mit ihrem Jugendfreund Alejandro tanzt. Sae Tamura versprüht hier mit federleichten Bewegungen eine Lebensfreude, die kaum zu bändigen ist. Mit großer Sicherheit schüttelt sie die Skelette, die ihrer habhaft werden wollen, ab. Mit Drahtgestellen werden mehrere Autos angedeutet, die bei dieser Feier über die Straßen fahren, bis es zu dem verheerenden Unfall kommt, der auch musikalisch eine Wende bringt. Das Bühnenbild öffnet sich und zeigt ein kaltes Krankenzimmer, in dem das Reh erscheint und Frida Trost spendet. Emporgehoben von den roten Armen der "roten Frida" entstehen nun ihre Selbstporträts, die ihr wieder Kraft geben. Während dieser Part von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Olivia Lee-Gundermann live begleitet wird, werden in den Szenen mit Diego lateinamerikanische Lieder von Chavela Vargas eingespielt, die selbst eine enge Beziehung zu Frida gehabt haben soll. In der Verfilmung von Frida verkörperte sie den Tod, weshalb sich Frida im Ballett in ein leidenschaftliches Pas de deux mit einem weiblichen Skelett stürzt, was von Diego barsch gestört wird. Filip Kvačák legt den Diego mit viril strotzender Kraft an, der bei aller Untreue trotzdem eine große Anziehung auf Frida ausübt und ihr immerhin in der letzten Stunde ihres Lebens beisteht. Frida (Sae Tamura) vor ihrem Tod Einen sehr ergreifenden Moment schafft Lopez Ochoa vor der Pause, wenn Fridas Kinderwunsch thematisiert wird. Eine Puppe mit riesigem Totenkopf wird über die Bühne getragen, die andeutet, dass Frida keine Kinder bekommen kann. Vor einem roten Auge im Hintergrund, bei dem man meint, eine Träne zu erkennen, werden rote Fäden aus dem Schnürboden herabgelassen, die wohl für die Nabelschnur stehen. In diesen Fäden verfängt sich Frida, bis die Fäden schließlich alle aus dem Schnürboden herabfallen und in kleinen roten Häufchen auf der Bühne liegen. Aber auch das versucht Frida in ihren Gemälden später positiv umzudeuten, indem beispielsweise die pittoresken Schmetterlinge im zweiten Akt einen roten Kopfschmuck tragen, der so wirkt, als sei er aus diesen roten Knäueln zusammengesetzt. Auch zwei der bedeutendsten Werke Kahlos lässt Lopez Ochoa im zweiten Akt in Gestalt von zwei Tänzerinnen auftreten. So sieht man zum einen die viktorianische Frida aus dem Gemälde "Las dos Fridas" in einem opulenten weißen Kleid, die aber nicht wie auf dem Gemälde gedoppelt wird, sondern mit dem Selbstbildnis aus "La columna rota" verbunden wird, so dass Traum und Realität, zwischen denen Kahlo sich ständig bewegt, zusammengeführt werden. Noch intensiver wird das Ende gestaltet, wenn sich das Bühnenelement öffnet und die buntesten Farben eines Schmetterlings zeigt, mit denen Frida zu einer Einheit verschmilzt, bevor sie ihr Leben aushaucht. Dieses Bild spendet bei aller Trauer doch ein wenig Trost. Tänzerisch begeistern das Ballett Dortmund und das NRW Juniorballett auf sehr hohem Niveau. Allen voran ist die großartige Sae Tamura als Frida zu nennen, die die unbändige Energie der Künstlerin intensiv umsetzt. Dabei bewegt sie sich mit einer scheinbaren Leichtigkeit und lässt sich trotz zahlreicher schwerer Schicksalsschläge, die sie erleidet, nicht unterkriegen. Liberty Fergus gestaltet das Reh mit sauberem Spitzentanz und begeistert durch sehr filigranes Bewegungsvokabular. Das gleiche gilt für Kasumi Iwata als Vogel. Die männlichen Verkörperungen Fridas stellen in ihren fließenden Bewegungen einen deutlichen Kontrast zu den Bedrohungen dar, die die Skelette vermitteln, und auch die Schmetterlinge vermitteln eine enorme Leichtigkeit. Die Dortmunder Philharmoniker untermalen unter der Leitung von Olivia Lee-Gundermann den Tanz mit spannenden perkussiven Klängen, die wunderbar zur Geschichte passen. So gibt es für alle Beteiligten verdiente stehende Ovationen. FAZITAnnabelle Ochoa Lopez' Choreographie lässt auf ästhetisch faszinierende Weise Tanz und Farben verschmelzen und zeichnet ein bewegendes Bild von Frida Kahlo, das vom Ballett Dortmund großartig umgesetzt wird. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Choreographie, Konzept und
Bühne und Kostüme
Lichtdesign
Dramaturgie
Choreographische Einstudierung
Choreographische Assistenz
Dortmunder Philharmoniker
Solistinnen und Solisten *Premierenbesetzung
Frida
Diego
Das Reh
Der Vogel Manuela Souza / Karin Sakaguchi
Königin der Blätter
Viktorianische Frida
Frida mit gebrochener
Wirbelsäule
Cristina
Alejandro
Mätresse 1
Mätresse 2
Mätresse 3
Skelette Herren
Skelett 1
Skelett 2
Skelett 3
Skelett 4
Skelett 5
Skelette Damen
Skelett 2
Skelett 3
Skelett 4
Skelett 5
Skelett 6
Skelett 7
Skelett 8
Skelett 9
Männliche
Verkörperungen von Frida
Hellblaue Frida
Violette Frida
Gelbe Frida
Rote Frida
Blaugrüne Frida
Dunkelblaue Frida
Rosa Frida
Todes-Schmetterlinge
Schmetterling 2
Schmetterling 3
Schmetterling 4
Blätter
Haarige Skelette
Haariges Skelett 2
Haariges Skelett 3
Haariges Skelett 4
Haariges Skelett 5
Haariges Skelett 6
|
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de