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Reproduktionsmedizin für den EndsiegVon Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Jung
Kinder gebären für den Krieg! So lässt sich Chefgott Wotans ambitioniertes Fortpflanzungsprogramm im Ring des Nibelungen pointiert zusammenfassen. Die Zwillinge Siegmund und Sieglinde hat er als Teil des Plans gezeugt, den im Rheingold an den Riesen Fafner verlorenen Ring, Symbol maßloser Macht, zurückzuerobern. Und mindestens neun seiner Töchter kümmern sich in ihrer Funktion als Walküre um Wotans Schattenarmee aus gefallenen Helden im Kampf gegen Widersacher Alberich. Richard Wagner mochte im 19. Jahrhundert das Gebären mit einem vorangegangenen Liebesakt verbunden haben; Regisseur Paul-Georg Dittrich setzt in Köln auf unterkühlte Wissenschaft und Reproduktionsmedizin. Sein Wotan ist kein trauriger Gott, sondern ein irrer Mediziner. Vier der Walküren hat er zu Geburtsmaschinen umfunktioniert, die im Akkord Babys zur Welt bringen, vier andere stellen im adretten Krankenschwesterdress das medizinische Personal dafür. Die Klonkinder kann Dr. med. Wotan vom Laptop aus aktivieren - und im Notfall auch wieder abschalten. Man erlebt ein Horrorszenario in den Bildwelten eines B-Science-Fiction-Films der 1980er-Jahre.
Kritische Dreiecksbeziehung im nächtlichen Wald: (von links) Sieglinde, Siegmund und Hunding
Dittrich und sein Team (Bühne: Pia Dederichs und Lena Schmidt, Kostüme: Mona Ulrich, Video: Robi Voigt) machen aus der Götterburg Walhall einen nüchternen Mehrzweckraum in unnatürlichen Orangetönen mit einer Technik, die mit flirrenden Zahlenkolonnen und computeranimierten Grafiken nach dem Zukunftsverständnis von 1980 aussieht. Zum "Walkürenritt" wird hier eifrig entbunden. Die Bilder drücken nicht gerade besondere Empathie mit werdenden Müttern aus. Mutterschaft wird zum Machtfaktor. Wotans Outfit in einer Fantasie-Uniform, die mit schneidigen Stiefeln an einen Wehrmachts- oder SS-Offizier denken lässt (mit Augenklappe wie Stauffenberg), rückt die Figur in gedankliche Nähe zum Lebensborn-Programm Heinrich Himmlers: Mutterschutz unter dem Aspekt der von den Nazis propagierten Rassenhygiene. Jordan Shanahan singt diesen Wotan scharf akzentuiert und doch kultiviert und klangschön, nicht mit Riesenstimme, aber kraftvoll in den großen Ausbrüchen, bei denen er auch schon mal mit dem Mobiliar um sich wirft.
Showdown im Mondschein: (von links) Sieglinde, Brünnhilde, am Boden liegend der tote Siegmund, Wotan mit Speer und Hunding
Um das Ende der Kindheit und die Instrumentalisierung der Nachkommen ging es im durchaus schlüssigen Rheingold, und diesen Gedanken spinnt die Regie radikal weiter. Ausgerechnet Wotans Gattin Fricka ist inmitten dieses Geburtenirrsinns kinderlos geblieben, und vielleicht, das deutet die Regie an, ist das ihre Motivation, den Untergang des inzestuösen Zwillingspaars Siegmund und Sieglinde zu fordern. Bettina Ranch gestaltet sie als elegante, sehr beherrschte Frau aus höheren Gesellschaftskreisen, stimmlich präsent und genau phrasierend. Sie weiß um die Kraft ihrer Argumente, wenn sie darauf besteht, Brünnhilde als Schutzkraft von Siegmund abzuziehen. Die erscheint zunächst mit klischeehaft langem, lockigem blondem Haar, das sie sich abschneidet und ausreißt, wenn sie von Wotans erzwungenem Sinneswandel erfährt - und mit kurzem Haar androgyn aussieht wie alle Wotanskinder.
Die Walküren untersuchen Sieglinde (auf der Liege)
Trine Møller singt die Brünnhilde mit wenig dramatischem, lyrisch geprägtem Sopran, sehr schön in den leisen Passagen, aber für das ganz große Drama fehlt es der Stimme an Wucht und Durchschlagskraft. Sie trägt zwei gekreuzte Kurzschwerter auf dem Rücken und bewegt sich durch die Szenerie, als habe sie sich aus einem Martial-Arts-Film versehentlich in die Walküre verirrt - ein ziemlich alberner Aspekt der Regie. Das Regiekonzept wirft zwar gedanklich durchaus interessante Ansätze über das Eltern-Kind-Verhältnis ein, kann aber keine zwingende Verbindung zum Siegmund-Sieglinde-Drama herstellen. Hier bleibt Dittrich überraschend konventionell. Eine Holzhütte im düsteren Birkenwald, drumherum Sumpflandschaft mit Wasserlachen auf der Bühne, ein übernatürlich großer Vollmond. Nimmt man das deutlich sichtbare Schwert in der Esche und einen echten Speer für Wotan hinzu (den er offenbar nur draußen in der Natur mit sich führt), so ist das ein beinahe romantischer Ansatz für den ersten und die Schlussszene des zweiten Akts. Videoeinblendungen zeigen allerdings an, das alles überwacht wird: Auch Siegmund und Sieglinde befinden sich in einer Laborsituation. Sieglinde reicht ihrem Gatten Hunding (nicht allzu dunkel timbriert, aber mit der notwendigen deklamatorischen Schärfe: Tijl Faveyts) kein Schlafmittel, sondern offenbar bewusstseinsverändernde Drogen. So torkelt er zur Liebesszene unbeholfen über die Bühne und wird umgehend von Sieglinde, wie alle Wotanskinder in dieser Inszenierung auf Kampf programmiert, ordentlich verdroschen. Man fragt sich, warum er überhaupt am Leben bleibt - ein gezielter Schlag mehr, und das für Siegmund tödliche Duell wäre ausgeblieben. Den singt Daniel Johansson mit leicht brüchigem, etwas fahlem, dabei höhensicherem Tenor rollendeckend. Astrid Kessler ist eine flammende Sieglinde mit etwas eintönigem Vibrato, der ein paar stimmliche Reserven zur ganz großen Emphase fehlen.
Wotans Abschied von Brünnhilde, die in der Zeitkapsel eingeschlossen ist
So bewegt sich die Inszenierung irgendwo zwischen "alles nicht ganz falsch" und "alles etwas angestrengt" und ordnet sich in den Reigen der Ring-Inszenierungen ein, die der Tetralogie ein wenig verkrampft einen neuen Aspekt abgewinnen wollen. Für Wotans Abschied von Brünnhilde und den Feuerzauber steht wie zufällig eine zylinderförmige Kapsel auf der Bühne, in die Brünnhilde eingeschlossen wird. Dittrich möchte ein großes emotionales Finale inszenieren, was am unterkühlten Ambiente scheitert - da sehen die zärtlichen Abschiedsgesten ziemlich unpassend aus. Und wieso überhaupt sollte dieser kühle Wissenschaftler, der Kinder nur als Machtinstrumente missbraucht, plötzlich väterliche Regungen zeigen? Vielleicht würde dieser emotionale Aspekt in einer dankbareren Akustik als der des Köln-Deutzer Staatenhauses deutlicher hervortreten. Immerhin soll der Siegfried in der nächsten Spielzeit im dann fertig sanierten Opernhaus sein Glück suchen. Das präzise und konzentriert spielende Gürzenich Orchester überzeugt unter der Leitung von Marc Albrecht vor allem in den zupackend interpretierten dramatischen Passagen wie in den genau ausgehörten Abgründen der Wotanserzählung. Albrecht überzeichnet nichts, lässt sich für Wotans Abschied Zeit und lässt die Musik nach der dramatisch zugespitzten Aufregung des vorangegangenen Konflikts sehr schön entspannt ausklingen. Dem ersten Akt fehlt eine Spur an musikalischer Stringenz, auch weil die Stimmen nicht gut in den Orchesterklang eingebunden sind. Auch das dürfte ein Problem des Raumes sein. Es wird höchste Zeit, dass Köln wieder ein echtes Opernhaus zurückerhält. Am 19. September soll es so weit sein.
Im schlechten Film gelandet? Die Inszenierung von Paul-Georg Dittrich verfolgt ein paar interessante Ansätze, wirkt aber in der Umsetzung oft wie eine hysterische und oberflächliche Dystopie der 1980er-Jahre. Musikalisch recht gut, wenn auch nicht glanzvoll. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Video
Licht
Dramaturgie
Solisten
Siegmund
Hunding
Wotan
Sieglinde
Brünnhilde
Fricka
Helmwige
Gerhilde
Ortlinde
Waltraute
Siegrune
Roßweiße
Grimgerde
Schwertleite
Der Ring in Köln:
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