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Musiktheater
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Alcina

Oper in drei Akten (HWV 34)
Libretto von einem unbekannten Autor
nach Antonio Fanzaglias Textbuch zu Riccardo Broschis L'isola di Alcina
nach Ludovico Ariostos Orlando furioso
Musik von Georg Friedrich Händel


In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 40' (eine Pause)

Premiere der Bayerischen Staatsoper im Prinzregententheater München am 13. Juli 2026




Bayerische Staatsoper München
(Homepage)

Inselurlaub mit Risiko

Von Roberto Becker / Fotos von Geoffroy Schied

Am Anfang ist das Chaos. Was man zu den Klängen der Ouvertüre zu sehen bekommt, ist ein Ort an dem es hoch her gegangen sein muss. Ein Drunter-und-Drüber sondergleichen - mit umgekipptem Tisch und demolierten Möbeln. Was an Vasen noch heil ist, zerschmeißt die offensichtlich allein zurückgebliebene derangierte Hausherrin mit voller Wucht selbst noch. So beginnt die neue Alcina im Münchner Prinzregententheater mit der Frage: "Was war denn hier los?" und liefert zugleich einen Teil der Antwort.

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Noch hat Gastgeberin Alcina (oben) alles im Griff

Die Münchner Opernfestspiele haben eine lange Tradition. Sie sind eine Leistungsschau des Hauses und werden mit einer Großpremiere im Nationaltheater (in diesem Jahr war es die Ringfortsetzung von Tobias Kratzer mit der Walküre) eingeleitet und mit einer zweiten Premiere im Prinzregententheater abgerundet. Aktuell mit der populären Zauberinnenoper des deutsch-britischen Barockgroßmeisters Händel. Die Bayerische Staatsoper München hat sich vor allem unter ihrem Intendanten Peter Jonas um Händel verdient gemacht und der kontinuierlichen Kärrnerarbeit der drei deutschen Festspiele im Zeichen von dessen Musik in Göttingen, Halle und Karlsruhe auch mit gewagten szenischen Neudeutungen für erheblichen Rückenwind gesorgt. Dass das nicht ohne die entsprechende musikalische Kompetenz geht, versteht sich von selbst.

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Trügerische Eintracht: Morgana, Oronte und Ruggiero

So konnten auch Barockpuristen kaum etwas am satten, geschmeidig differenzierten Klang der kleinen Besetzung des Bayerischen Staatsorchesters bemängeln, die zudem mit Barockinstrumenten und Bögen nachgerüstet war. Der Besetzungszettel benennt die für das Continuo sorgenden Musiker an Erzlaute, Theorbe, Violoncello, Cembalo und Orgel denn auch separat. Letztere wird vom musikalischen Leiter des Abends Stefano Montanari selbst gespielt. Die Münchner sind ein Musterbeispiel dafür, wie auch ein Orchester, das nicht auf barocken Klang spezialisiert ist, dennoch damit glänzen kann. Die Dimension und Akustik des Prinzregententheater sind zudem eine günstige Voraussetzung, um den Protagonisten jede Möglichkeit zur vokalen Prachtentfaltung einzuräumen. Dazu kommt ein Ensemble, dass sich wirklich sehen und vor allem hören lassen kann!

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Ruggiero tanzt auf dem Tisch

Die aus Trinidad stammende Sopranistin Jeanine De Bique bietet, neben ihrer Bühnenpräsenz und einer Studie über verlorene Liebesmüh' und dem Wechsel von Trauer in Wut, aber vor allem in Verzweiflung beim Verlassenwerden, mit markantem Timbre betörende Spitzentöne. Als ihr Problem-Liebhaber Ruggiero vermag sich der kraftvolle Counter John Holiday zu steigern und spielt vor allem das vitale Potenzial seiner Stimme aus. Ähnlich temperamentvoll nahm sich Elsa Benoit Alcinas Schwester Morgana an, die ja durchaus ihre eigenen Ambitionen hat, aber zunächst auf die Verkleidung Bradamantes als Mann hereinfällt und vorübergehend ihren Liebhaber Oronte (Julian Prégardien) kaltstellt. Als Bradamante glänzt Avery Amereau. Daneben hatten auch Gerrit Illenberger (Melisso) und Carine Tinney (Oberto) den Szenen- und Schlussapplaus verdient, der alle Protagonisten zurecht traf.

Auf den barocken Bühnenzauber haben Johanna Wehner (Regie), Benjamin Schönecker (Bühne) und Ellen Hofmann (Kostüme) möglicherweise bewusst verzichtet. Die Insel haben sie zu einem knapp möblierten, grün gestrichenen Salon mit Esstisch und Wendeltreppe in eine Galerie gemacht, der so auf der Bühne platziert ist, dass das Drumherum mit Scheinwerfern usw. bewusst sichtbar bleibt. Ein halbes Dutzend livrierte Angestellte beseitigen routiniert geübt das Chaos auf offener Bühne wieder.

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Alcina (hinten im Bild) und ihre Goldjungs

Im zweiten Teil ist der Bühnenraum schräg gestellt und zu einer Art Museum oder Galerie verwandelt, in der vergoldete Männerskulpturen zu sehen sind. Optisch geht es also in dieser Inszenierung weg vom mythischen Hokuspokus in Richtung Gegenwart mit diversen Beziehungsproblemen. Das sieht dann so aus, dass sich eine taffe Frau, die über einigen Charme verfügt und es sich leisten kann (mit Einladungen in einen luxuriösen Bungalow auf eine beliebten Urlaubsinsel zum Beispiel), diverse Liebschaften gönnt und die entsprechenden Männer, wenn sie ihrer überdrüssig ist, wieder entsorgt. Plötzlich geht aber etwas schief, weil sie sich in ihren aktuellen Liebhaber tatsächlich verliebt. Dem wiederum ist seine eigentliche Verlobte (Bradamante als Mann verkleidet und in Begleitung von Ruggieros altem Lehrer Melisso) auf der Spur, um ihn zur Vernunft und zurück in sein altes Leben zu bringen. Die beiden tauchen als uneingeladene Gäste einfach auf und platzieren ihr Intrigenspiel, um Ruggiero zur Vernunft zu bringen. Was auch klappt. Als sich Bradamante (die sich erst für ihren eigenen Bruder ausgeben hatte) zu erkennen gibt, hält sie Ruggiero zwar zunächst für ein Trugbild Alcinas, ist dann aber doch verblüffend abrupt wieder auf Kurs und zu erkämpfter Heimkehr bereit. Nach seiner Bravourarie "Sta nell'Incrana" gibts da kein Halten mehr. Doch vom Spiel mit Machtmissbrauch und Widerstand dagegen und der Opulenz einer Parallelwelt des schönen Scheins ist letztlich nichts zu sehen. Alicia zieht sich trauernd in ihre Einsamkeit zurück. Sie wird Teil eines Gemäldes im Ausstellungsraum, aus dem die zum Leben erwachten Goldjungs einfach gegangen sind. Und die Botschaft des Auftaktbildes? Die auch ein verzweifelter Wutausbruch Alcinas gewesen sein könnte? Darauf kommt die Inszenierung nicht noch einmal zurück. Wirklich ärgerlich aber ist, dass sich die Personenregie im Grunde auf das Arrangieren von Auf- und Abgängen beschränkt und ansonsten durch Abwesenheit glänzt.

Es ist ein Verdienst dieser Inszenierung, in der nur wenig gestrichen wurde, dass die Rolle des jungen Oberto mal nicht auf die aus ihm (bzw. ihr) herausbrechende "Barbara"-Arie beschränkt ist, mit der er auf Alcina losgeht. Dass Carine Tinney aber zu einfachem Hin-und Herlaufen an der Rampe verdonnert wird, ist in seiner Verlegenheit schon grenzfällig. Da-capo-Arien zu inszenieren, ist eben auch eine Kunst. Die Regisseurin war sichtlich irritiert darüber, dass das Publikum beim Schlussapplaus diese Leerstelle lautstark vermerkt hat.

FAZIT

Mit der neuen Alcina versucht man in München der Händel-Tradition des Hauses zu folgen. Auf dem damit vorgegebenen Niveau gelingt das allerdings nur musikalisch. Szenisch ist das Unternehmen missglückt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefano Montanari

Inszenierung
Johanna Wehner

Bühne
Benjamin Schönecker

Kostüme
Ellen Hofmann

Licht
Ellen Hofmann

Chor
Christoph Heil

Dramaturgie
Saskia Kruse



Bayerisches Staatsorchester

Erzlaute
Alex Wolf

Theorbe
Marinus Andersson

Violoncello
Allan Bergius

Cembalo
Alessandro Praticò

Orgel
Stefano Montanati


Solisten

Alcina
Jeanine De Bique

Ruggiero
John Holiday

Morgana
Elsa Benoit

Bradamante
Avery Amereau

Oberto
Carine Tinney

Oronte
Julian Prégardien

Melisso
Gerrit Illenberger


Weitere
Informationen

erhalten Sie unter

 
Bayerische Staatsoper München
(Homepage)



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