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Die Nacht vor Weihnachten

Ein wahres Weihnachtslied. Oper in vier Akten
Libretto vom Komponisten nach der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Gogol
Musik von Nikolai Rimski-Korsakow


In russischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 10' (eine Pause)

Premiere der Bayerischen Staatsoper im Nationaltheater München am 29. November 2025




Bayerische Staatsoper München
(Homepage)

Schuhe von der Zarin für die Braut

Von Roberto Becker / Fotos von Geoffrey Schied

Der Regisseur Barrie Kosky hat jahrelang in Berlin die Opern-, vor allem aber die Operettenszene aufgemischt. Als Intendant der Komischen Oper und als Regisseur. Immer auch auswärts tätig, hat er sich auch in München mit Inszenierungen vor Ort einen Namen gemacht. Die jüngste von Nikolai Rimiski-Korsakows Die Nacht vor Weihnachten ist schon die laufende Nummer sieben seiner hiesigen Arbeiten - darunter sind mit der Fledermaus und dem Rosenkavalier zwei Filetstücke des Repertoires. Dass er sich jetzt zusammen mit GMD Vladimir Jurowski das selten gespielte, zwischen folkloristischer Märchen- oder Zauberoper changierende Werk, zu dem sich Rimski-Korsakow von einer Vorlage von Nikolai Gogol inspirieren ließ, vornahm, spricht für die Entdeckerfreude von beiden. Quasi von selbst inszeniert sich das aus vielen Quellen gespeiste Stück nämlich nicht.

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Der Teufel ist der Spielmacher und hat es auf den Mond abgesehen

Dass der werbende Bräutigam, der Schmied Wakula, die unmögliche Aufgabe seiner sich schnippisch zierenden Braut Oksana, ihr doch die Schuhe der Zarin als Gegenleistung für ihr Ja-Wort zu besorgen, letztlich lösen und ihr das Luxusschuhwerk präsentieren wird, darf man genregemäß erwarten. Dass er sich dafür sogar mit dem Teufel einlässt, ist schon etwas heikler. Aber in diesem Stück ist der christlich orthodoxe Wertekanon noch so heidnisch durchsetzt, dass sich die Berührungsängste mit dem Teufel in Grenzen halten und alles am Ende gut geht. Die Zarin, um deren Schuhe es geht, ist nicht die Gattin des Zaren, sondern hält selbst das Zepter zur Krone und das Heft des Reiches in der Hand. Es ist also Katharina, die hier nicht mal mit Namen genannt werden muss. Zu ihrem Namenszusatz "die Große" gehört, dass sie nicht nur in Petersburg ihr eigenes Theater hatte, sondern auch, dass sie es wie bei Rimski-Korsakow und dann auch in Tschaikowskis Pique Dame zu einem Auftritt als Bühnen-Alter-Ego in die Oper geschafft hat - auch wenn die Zensur das bei der Uraufführung 1895 noch verhinderte.

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Oksana (Mitte) lässt es krachen

Diesen Auftritt lässt sich einer wie Kosky, der die große Show liebt und kann, natürlich nicht entgehen. In prachtvoller, weiß funkelnder Staatsrobe, auf einem aus dem Schnürboden einschwebenden silbernen Thron mit russischem Doppeladler schwebt die dafür wie geschaffene Violeta Urmana als Zarin ein. Und liefert den Kosky-Effekt, an den man an diesem Abend schon gar nicht mehr glauben wollte. Dabei hätte man schon vor Beginn der Vorstellung stutzig werden können. Der von Christoph Heil einstudierte Chor, den Klaus Bruns in betont unelegante Altagsklamotten eher ländlichen Zuschnitts gesteckt hat, füllte die Bühne und vertrieb sich die Wartezeit bis zum Beginn der Vorstellung, applaudierte dann dem auftauchenden Dirigenten, und ein Spielmeister mit Teufelshörnern unterm Zylinder setzte alles in Gang.

Die Bühne die Klaus Grünberg mit einem mehrstöckigen, fast schon abstrakten Fassaden- bzw. Tribünenkonstrukt gefüllt hatte, sorgte in seiner geradezu lähmenden Düsternis ebenso für bewusste Distanz wie die Kostüme des Publikums auf der Bühne. Dabei böte sich hier die Chance, das pralle Bühnenleben schlechthin mit jeder Menge schräg grotesker Komik zu entfesseln. Zumal sich die virtuose, großformatige Musik Volksliedhaftes genauso anverwandelt wie Hymnisches. Um aus all' dem und dem Parlando zur Komödie musikalisch ein Ganzes zu machen, erwies sich Vladimir Jurowski genau als der Richtige am Pult des Bayerischen Staatsorchesters.

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Der Teufel und die Hexe inmitten ihrer Helfer

In diesem Opernmärchen geht es im Kern um die schöne, zunächst vor allem selbstverliebte Oksana (leichtfüßig und höhensicher: Elena Tsallagova), Wakula (intensiv und sicher: Sergey Skorokhodov) und die Schuhe der Herrscherin, vor allem aber um das ganze Drumherum. Es fängt an mit der Absicht des Teufels und der Mutter Wakulas Solocha (mit drallem Selbstbewußtsein: Ekaterina Semenchuk), die im Nebenjob Hexe ist, Mond und Sterne verschwinden zu lassen. Zur Komödienform läuft das Spiel auf, wenn nach und nach die männlichen Dorfhonoratioren bei ihr auftauchen und ihr Avancen machen. Weil sie alle in etwa zur gleichen Zeit zu ihr wollen, bleibt nur der alte Trick mit dem Versteck des einen vor dem anderen. In dem Falle stehen dafür Kohlensäcke bereit. Der Teufel (wendig: Tansel Akzeybeck) muss sich verstecken, als der Dorfvorsteher (Sergei Leiferkus) auftaucht, der wiederum, wenn der Diakon (Vsevolod Grivnov) Einlass begehrt und der schließlich als auch noch Wakulas Vater Tschub (Dmitry Ulyanov) aufkreuzt. Richtig witzig gerät das in der szenischen Umsetzung freilich nicht. Wenn die Herren die Tür öffnen und Einlass begehren, werfen lauter kleine Teufelshelfer mit Papierschnipseln um sich - dieses papierene Schneegestöber beschreibt den Amüsiereffekt leider treffender, als ihm gut täte.

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Am Ende gibts ein Happy End. Sie hätte Ihn auch ohne die Schuhe genommen … aber mit Schuhen ist es auch schön.

Wie das physisch gehen sollte, und, dass Wakula den Sack, in dem sich der Teufel versteckt, über der Schulter trägt, als er sich auf und davon macht, um Oksanas Schuhwünsche zu erfüllen, lässt sich unter Märchenlogik verbuchen. Auch, dass Wakula die Rechnung des Teufels durchkreuzt, dessen Seele für seine Hilfsdienste zu bekommen, in dem der einfach den Spieß herumdreht und ihn mit einem Kreuz unter seine Fuchtel zwingt.

Dieser Weg zur Zarin war vor vier Jahren bei Christof Loy in Frankfurt eine Luftnummer mit fliegenden Menschen im wörtlichen, fantastischen Sinne. Sie ist es auch bei Kosky aber da mehr im übertragenen Sinne. Eingefügte Seilakrobatik kommt nun mal nicht an Fantasieakrobatik ran. Auch für die groteske Komik, die in der Geschichte liegt, sind bunte Fantasiekostüme über ausgestopften Bäuchen nur die halbe Miete. Vom lediglich illustrierenden Ballett ganz zu schweigen. Dafür gibt es weder musikalisch, noch am Einsatz der Protagonisten und des Chores etwas zu deuteln. Und Kosky muss halt damit klarkommen, dass er selbst die Latte der Erwartungen an seine Arbeiten ziemlich hoch gelegt hat.

FAZIT

Barrie Kosky und Vladimir Jurowski bieten dem Münchner Publikum die selten gespielte Nacht vor Weihnachten als musikalisches Glanzstück mit in einer szenischen Form, die auch Fragen offen lässt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Vladimir Jurowski

Inszenierung
Barrie Kosky

Bühne und Licht
Klaus Grünberg

Kostüme
Klaus Bruns

Choreographie
Otto Pichler

Chor
Christoph Heil

Dramaturgie
Saskia Kruse



Bayerischer Staatsopernchor

Opernballett der Bayerischen Staatsoper

Bayerisches Staatsorchester


Solisten

Die Zarin
Violeta Urmana

Der Dorfvorsteher
Sergei Leiferkus

Tschub
Dmitry Ulyanov

Oksana
Elena Tsallagova

Solocha
Ekaterina Semenchuk

Wakula
Sergey Skorokhodov

Panas
Milan Siljanov

Diakon Ossip Nikiforowitsch
Vsevolod Grivnov

Pazjuk
Matti Turunen

Der Teufel
Tansel Akzeybek

Eine Frau mit veilchenblauer Nase
Alexandra Durseneva

Eine Frau mit gewöhnlicher Nase
Laura Aikin


Weitere
Informationen

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Bayerische Staatsoper München
(Homepage)



Da capo al Fine

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