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Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
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Zum Abschied ohne BrilleVon Joachim Lange, Fotos: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
In Bayreuth hat Wagners Parsifal per se das Haus auf seiner Seite. Die musikalische Faszination, das Schwelgen im Zauber der Klänge, ja die Andacht, die sich bei dieser Musik speziell hier entfalten, gehören nach des Meisters Willen zu seinen Festspielen. Auch wenn das Haus mit dem Ring des Nibelungen eröffnet wurde, ist es doch akustisch für den Parsifal (wie) geschaffen. Dass dieses quasi-religiöse opus magnum Wagners mit zunehmender Säkularisierung auch eine Steilvorlage für szenische Herausforderungen ist, haben gerade die jüngsten Vorgänger der aktuellen Inszenierung von Jay Scheib (Regie), Mimi Lien (Bühne) und Meentje Nielsen (Kostüme) aus dem Jahre 2023 (siehe unsere Rezension der Premiere), die jetzt zum letzten Mal auf dem Spielplan steht, auf verschiedene Weise bewiesen.
Der leidende Amfortas als Blutspender
Hätte Michel Friedman Stefan Herheims Parsifal aus dem Jahr 2008 vor Augen gehabt, dann hätte sein Satz, dass die Auseinandersetzung des Hauses Wagner mit den Schattenseiten seiner Geschichte jetzt (!) beginne, keinesfalls so apodiktisch ausfallen können. Auch gleich zwei Meistersinger-Inszenierungen, nämlich die von Katharina Wagner (2007, noch als ihr Vater der Herr des Hügels war) und die von Barrie Kosky (2017), stehen überzeugend an der Seite dieser Geschichtsaufarbeitung.
Das aktuelle Bühnenweihfestspiel erreicht weder die politisch kritische noch die ästhetische Ambition seiner Vorgänger. Und dennoch - diese Produktion spricht für die Experimentierfreude der Festspielleitung. Da es die zum ersten Mal im Festspielhaus erprobte Blickerweiterung für einen Teil der Zuschauer durch Augmented Reality (AR) - Brillen jetzt nicht mehr gab, steht die Inszenierung sozusagen nackt und bloß für sich und vor aller Augen. Nur mit den live gedrehten, vergrößernden Videos als Zugabe. Dadurch ist dieser Parsifal bühnenästhetisch so etwas wie eine Brücke zwischen dem nüchtern klaren Holländer und dem laufenden KI-Ring.
Die Gralswelt ist ein nüchtern abstraktes Irgendwo, mit seltsamen Ritualen. Vor Klingsors Schloss dominiert zunächst betonierte Nüchternheit. Vom Inneren des Schlosses sieht man nur einen lasziv rot ausgeleuchteten Ausschnitt. Den Zaubergarten imaginieren einschwebende, knallbunte Kulissenelemente, in denen sich die Blumenmädchen tummeln und wie Bacchantinnen benehmen. Waren schon die übergroßen Einblendungen der Wunde von Amfortas ein optisch abstoßendes Blutbad, so hat Klingsors weibliches Personal keine Skrupel, mit abgerissenen Köpfen ihrer Opfer zu spielen.
Ein Klingsor der lasziven Art
Um den Hokuspokus mit dem Speer drückt sich die Regie. Parsifal nimmt sich das verbogene Teil einfach und schon verschwinden die bunten Kulissen. Das dritte Bühnenbild macht aus dem Gral so etwas wie ein Mahnmal einer zerstörten Umwelt. So recht ist dem Wasser im Grals-Tümpel, der im ersten Aufzug noch wie ein Jungbrunnen für Titurel (neu in dieser Partie: Vitalij Kowaljow) gewirkt hatte, nicht mehr zu trauen. Ein verrottet wirkendes Abbaugerät hier, ein umgestürzter Obelisk da. Der aufsteigende Neonleuchtring als Gralsenthüllung funktioniert aber noch. Am Ende überleben außer Titurel alle. Irgendwie. Auf dem Weg irgendwohin geht Kundry schon mal voran. Es ist wohl in erster Linie die magische Musik und ihr Sog, die das Publikum zum herzlichem, aber dann doch auch enden wollendem Beifall animierte. Der szenischen Umrahmung fehlt dafür eigentlich Stringenz oder Magie.
Georg Zeppenfeld in seiner Paraderolle als Gurnemanz und Michael Volle, der sich mit zwei phänomenalen Wotanporträts an den Vortagen für den Amfortas quasi warmgelaufen hat, sind beides Musterbeispiele fürs klar artikulierte und sinnlich gesungene Wagnerwort. Sie sind die wirklichen Zierden des Abends. Andreas Schager gönnt seinem Publikum in der Titelpartie lobenswerterweise zwar vermutlich den größten Teil seines Jahreskontingentes an leisen Tönen, testet aber ansonsten unbeirrt aus, wie weit man den reinen Toren auf dem heldentenoralen Hochseil balancieren lassen kann. Abgestürzt ist er natürlich nicht, schwindlig wird einem beim Zuhören von unten dabei aber zuweilen schon. Miina-Liisa Värelä hält diesem Power-Parsifal als intensiv auftrumpfende Kundry souverän stand. Jordan Shanahan ist wieder ein vokal und darstellerisch mit imponierender Leichtigkeit aufwartender Klingsor - eine dämonisch laszive Klasse für sich.
Pablo Heras-Casado bleibt im Graben (mit etwa 1h 40' für den ersten Aufzug) bei seiner eher flüssigen und wohldosierten Gangart. Das ist dem Haus angemessen, wird allerdings von der Szene nicht wirklich ins Außergewöhnliche getrieben. Alle Gralsritter, Knappen und die Zaubermädchen Klingsors und natürlich der von Thomas Eitler-de Lint einstudierte Chor der Gralsbewohner haben ihren Anteil am vor allem musikalischen Erfolg dieser Wiederaufnahme.
In seiner Abschiedsrunden profitiert der Parsifal von Jay Scheib und Pablo Heras Casado bei allen Mängeln der Inszenierung vom Kontrast zur Bilderflut des KI-Rings.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Video
Chor
Dramaturgie Solisten
Amfortas
Titurel
Gurnemanz
Parsifal
Klingsor
Kundry
Erster Gralsritter
Zweiter Gralsritter
Erster Knappe
Zweiter Knappe
Dritter Knappe
Vierter Knappe
Klingsors Zaubermädchen
Altsolo
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